Michael Reisch – Solo

Metallisches Bellen, giftiger Atem, zwei Körper mit drei Köpfen. Glieder umschlingen sich, verschmelzen miteinander, sind kaum mehr voneinander zu differenzieren. Sie erinnern an den dreiköpfigen Kerberos, welcher in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht – kein Lebender dringt ein, kein Toter kommt heraus. Nicht ganz, wurde er doch von Herakles besiegt, von Psyche verführt, von Orpheus beschwichtigt. Ihm gegenüber sind die Umrisse einer Figur als Leerstelle in den Maschendrahtzaun gebannt, muten wie eine Tatortzeichnung an. Wo der Geifer des Hundes tropft, erblüht Eisenhut, rankt sich am Zaun empor. Wir begeben uns auf Spurensuche.

Die Spuren führen weit zurück. Denn als „Technokomplex“ werden einzelne Phasen vorgeschichtlicher Zeitperioden bezeichnet, die anhand der Beschaffenheit gefundener Steinartefakte voneinander unterschieden werden können. Der Begriff lässt sich aber auch auf die technologische Bildgenese übertragen. Daran anknüpfend widmet sich die Duoschau „Technokomplex“ in der Galerie Falko Alexander dem prägenden Einfluss moderner Technik auf die Erzeugung von Bildern. Entsprechend dienten den speziell für die Ausstellung entstandenen Arbeiten von Tim Berresheim Details aus den digital collagierten Gemälden der hyperweirdkids Laura Klünter und Mario Mertgen als Ausgangspunkte. 

Wer sich gemäß dem Titel meditativ in „Gelb-violette Exerzitie am Auge“ vertieft, erkennt im Gewirr der Formen und Farben vielleicht Anmutungen vom Kopf des Höllenhunds, von Juwelen oder Stacheldraht. Denn Berresheim hat sich nicht nur bei „“ wie aus einem Setzkasten an den digitalen Collagen der hyperweirdkids bedient. Die Details aus den zunächst ins Medium der Zeichnung übertragenen und folgend eingescannten Bildern werden bei Berresheim auf den digitalen Pinsel gestülpt. Mittels des virtuellen Werkzeugs lassen sich in schwungvollem Duktus die gesammelten Daten durch den fiktiven Raum ziehen, schlingen sich umeinander, bis sie als vielfarbige Schlieren vor dem Auge sitzen.

Die kaleidoskopisch angelegten Arbeiten der hyperweirdkids greifen selbst auf gefundenes Material zurück, indem sie kunsthistorische Motive und mythologische Figuren aus Bildarchiven nutzen. Antike Gravuren, Gemälde aus Renaissance und Manierismus bilden das Fundament der anschließend mittels KI ad absurdum geführten Figuren. Der männliche Idealkörper erhält plötzlich groteske Proportionen, wenn Muskelberge gleich Geschwüren aus der Haut wachsen. Alles andere als ideal scheinen sich die dargestellten Personen nur noch mit Mühe an stacheldrahtbewehrter Klippe halten zu können, schlagen die Hände vor gramverzerrte Gesichter, blicken voller Verzweiflung in den selbst geschaufelten Abgrund. Der Mensch befindet sich in der Krise.

Vita + -

born 1975 in Heinsberg
lives and works in Aachen

Education
1998 bis 2000 Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Johannes Brus)
2000 bis 2002 Kunstakademie Düsseldorf (Albert Oehlen)

Upcoming exhibtions 2023
NRW Forum Düsseldorf (Solo)
Kunstmuseum Bonn (Group)
Max Ernst Museum (Group)

Tim Berresheim ist ein Bildender Künstler, der 2002 damit begann mit Hilfe des Computers Tafelbilder produziert. Auf den Bildern, die als Fotografien, Siebdrucke oder Computerprints realisiert werden, sind Szenerien dargestellt, die sich im dreidimensionalen, illusionistischen Raum abspielen. Im Zuge der Arbeit mit CGI und DGI entstehen – das gilt sowohl für die figurativen als auch für die abstrakt anmutenden Werke – plausible, d.h. physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegende bühnenhafte Bildwelten. Seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre ist zudem der Aspekt der Mehrdimensionalität für Berresheim von Relevanz. Mittels optischer Verzerrungen innerhalb der – im Hinblick auf Detailreichtum, Raumanordnung und Ausleuchtung – komplexen Darstellungen wird die Lesbarkeit des Bildes permanenten Veränderungen unterzogen und somit die Idee einer letztgültigen zentralperspektivischen Ansicht zur Disposition gestellt. Mit Beginn der 2010er Jahre thematisierte er wiederholt in seinen Ausstellungen das Verhältnis von Bildproduktion innerhalb und außerhalb des Kunstbetriebs sowie die Übergangsphase, in der sich Gestaltung, Präsentation und Rezeption visueller Artefakte seitdem befinden. Seit der Ausstellung „Auge und Welt“ 2014 im Kunstverein der Rheinlande und Westfalen Düsseldorf konzipiert er mit dem Team der Studios New Amerika installative Ausstellungspräsentationen inklusive Wandtapeten sowie Editionen und Merchandise-Artikel, und seit seiner Retrospektive „2003-2015“ 2015 im Ludwig Forum sind Augmented Reality Apps, die in erster Linie zur Vermittlung eingesetzt werden, ein integraler Bestandteil seiner Ausstellungen.

Public Collection (Selection)
Die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland
MoMA Collection, New York
Frederick R. Weisman Art Foundation, Los Angeles
Adrastus Collection, Ávila
Peter und Irene Ludwig Stiftung, Aachen
Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf
Nationalbank AG, Essen
Kunstmuseum Stuttgart, Stuttgart
Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart
Kunstmuseum Celle (Sammlung Robert Simon), Celle
Fördersammlung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft, Aachen

Solo Shows (Selection)

2020
„Aus alter Wurzel Neue Kraft Teil 3“ –  Mehrere Ausstellungsorte, Wassenberg und Heinsberg
„Störgrösse (AAWNK)“ – Galerie Falko Alexander, Köln
„Das Auge im Neuen einüben (AAWNK)“ – Galerie Reinhard Hauff

2019
„Aus alter Wurzel Neue Kraft. From Los Angeles to Bad Aachen“ – Die Kabine, Aachen
„Sleep Walk“ – Ruttkowski;68, Paris „Tim Berresheim. works 2007-2019“ – Office Reiner Opoku, Berlin

2018
„Harry Rag” – Gallery Belmacz, London „Smashin´ Time II” – Kunst Raum Riehen, Riehen „Suspension of Disbelief“ – Neuer Aachener Kunstverein, Aachen

2017
„Smashin´ Time” – Kunst & Denker Contemporary, Düsseldorf
„Auf der Pirsch” – Galerie Reinhard Hauff, Stuttgart

2016
„Aus alter Wurzel Neue Kraft” – Meliksetian Briggs, Los Angeles

2015
„Tim Berreheim. 2003-2015” – Ludwig Forum, Aachen

2014
„Auge und Welt” – Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf

2012
„Tarnen & Täuschen – too long;didn“t read SOS” – Galerie Thomas Flor, Berlin

2011
„Tropical Dancer (seeing is believing) 2007–2011” – Cardi Black Box, Mailand
„Pondering W.T.F. (No methodology)” – Kunstverein Leverkusen im Schloss Morsbroich, Leverkusen

2010
„Future Gipsy Antifolklore What?!” – Marc Jancou Contemporary, New York
„Phoenix – The Guilty Pleasure” – Patrick Painter Inc., Los Angeles
„Radieschen und Erdnuss – eine gemeinsame Erklärung” – Kunsthalle Gießen, Gießen

2009
„CONDITION TIDINESS. RUDE” – Patrick Painter Inc., Los Angeles

2008
„Scheuche (Mild)” – Marc Jancou Contemporary, New York
„Condition Platinum (Tidiness)” – Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln

2007
„Violett (Haar)” – Patrick Painter, Inc., Los Angeles

2004
„Don‘t call us piggy, call us cum” – Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln

Group exhibition (Selection)

2020
„sammlung mit losen enden 04“ – Kunsthaus Nordrhein-Westfalen Kornelimünster, Aachen

2019
„Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality“ – Ludwig Forum für internationale Kunst, Aachen
„It’s All Black and White – Contemporary Art from the Frederick R. Weisman Art Foundation“ – The Frederick R. Weisman Museum of Art at Pepperdine University, Malibu
„14. Triennale Kleinplastik Fellbach“ – Alte Kelter, Fellbach

2018
„Black & White & IN BETWEEN. Contemporary Art from the Frederick R. Weisman Art Foundation” – Carnegie Art Museum, Oxnard „Die Macht der Vervielfältigung“ – Museu de Arte do Rio Grande do Sul, Porto Alegre„Becoming Animal” – Den Frie Udstillingsbygning, Copenhagen & Museet for Religiøs Kunst, Lemvig „Mixed Realities” – Kunstmuseum Stuttgart, Stuttgart
„Brisante Träume” – Die Kunst der Weltausstellung” – Marta, Herford

2015
„Better than de Kooning” – Villa Merkel, Galerien der Stadt Esslingen, Esslingen

2014
„The New Romantics” – Eyebeam, New York

2013
„Dumb Rocks” – Gallery Belmacz, London
„Scheinwerfer. Lichtkunst in Deutschland im 21. Jahrhundert” – Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon, Celle

2012
„Alternative Entrance” – kunstbunker – forum für zeitgenössische kunst, Nürnberg

2011
„Tim Berresheim & Matthias Schaufler“, Corbett vs. Dempsey, Chicago

2009
„St. Moritz Art Masters” – St. Moritz

2008
„Faces and Figures (Revisited)” – Marc Jancou Contemporary, New York
„Vertrautes Terrain. Aktuelle Kunst in & über Deutschland (Collectors’ Choice)” – ZKM l Museum für Neue Kunst, Karlsruhe

2007
„LEG SHOW” – Patrick Painter Inc., Los Angeles

2006
„Räume für Kunst” – Sammlung Grässlin, St. Georgen

2002
„Offene Haare, Offene Pferd. Amerikanische Kunst 1933-45” – Kölnischer Kunstverein, Köln

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