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Marta Vovk – TURBOSORGENKUNST
TURBOSORGENKUNST
Ein kurzer Schmerz im Rücken, ein Aufstöhnen, ein „Stell dich nicht so an“ zu sich selbst. Schmerz ist universelle Erfahrung. Wie aber lässt sich Schmerz jemandem beschreiben, der eine bestimmte Art von Schmerz noch nie gefühlt hat?
HOW IT STARTED: Ein Mann hängt am Kreuz, in seinem Gesicht sitzt das Leiden; nasse Augen wollen sich leichter weinen, Tränen sitzen am Lidrand, weil sie das Fallen verweigern; dann fallen sie doch, rinnen zu Boden mitsamt dem Gesicht; fragmentierte Körperteile wirken, als wolle man sie ausweiden. Ein Anblick, bei dem sich scheinbar auch der Bildgrund zu Händen formen möchte, als suche er das traurige Gesicht zwischen die gespreizten Finger einzufassen und ihm liebevoll über den Kopf zu streicheln: alles wird gut. Es wird doch alles gut, oder?
HOW IT’S GOING: Und was, wenn nicht alles gut wird? Wenn der Schmerz immerzu da ist, im Innern nistet und nie ganz verschwindet. Wenn etwas endgültig wird, das nicht für immer sein darf. Wenn Angst und Scham laut werden, weil von außen Funktionalität erwartet wird. Wenn plötzlich alles Kraft kostet und da kein Ereignis, kein Wendepunkt, sondern nur alltägliche Mühsal wartet. Ein anderes Gesicht erscheint: Delfin-Krankenschwester in Furry-Ästhetik. Sie wirkt auf niedliche Art bekümmert, verspricht Heilung. Die Krankenschwester lächelt. Alles wird gut.
Marta Vovk versteht sich selbst als disabled artist. Sie sucht im menschlichen Gedächtnis nach Bildern für eins der ältesten Gefühle: Schmerzen. Dabei greift sie auf ganz unterschiedliche Referenzen zurück, bedient sich aus gefundenem Bildmaterial: christliche Kunstgeschichte, medizinische Illustrationen, Splatter- und Horrorästhetik sowie Bildwelten aus Anime, Cartoons und Internetkultur. So nutzt sie zum Beispiel wissenschaftlich anmutende Darstellungen mit Schmerzpunkten, Markierungen und grafischen Visualisierungen. Diese deuten an, was unsichtbar ist und greifen doch zu kurz, verharren im Abstrakten. Vovk führt die schematischen Erklärungsmodelle mit teils zitternden, unbeholfenen Strichen weiter. Wie den Schmerz zeigen?
Vovk leitet uns auch zurück an einen kunsthistorischen Wendepunkt. Im 13. Jahrhundert wandelte sich der Gekreuzigte vom triumphalen Überwinder des Todes, der mit offenen Augen aufrecht am Kreuz steht, zum leidenden Christus. Cimabue zeigte ihn um 1270 in Arezzo mit geschlossenen Augen und blutenden Wunden. Bald darauf löste sich das Leiden ganz aus der Erzählung: Als Schmerzensmann ist Christus tot und doch aufrecht, den Betrachtenden zugewandt. Leid erfuhr Aufwertung, verkehrte sich zum sinnstiftenden Weg der Erlösung, notfalls auch mit Askese und Selbstgeißelung. Das ikonische Bild christlicher Leidensgeschichte kombiniert Vovk wie selbstverständlich mit Trivialkultur. Vertraute Bilder aus bekannten Anime- und Zeichentrickserien hat sie mit verzweifelten Aussagen versehen. Wie dem von den Figuren verkörperten gesellschaftlichen Anspruch von Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Stärke im Alltag genügen, wenn der Schmerz auch in intimste Lebensbereiche vordringt? Ausgesägte Holzformen mit organisch, sexuell anmutenden Umrissen sind mit sinnlichen Gesichtern versehen, verknüpfen Leiden und Lust.
Dazu der Blick in niedlich große Augen anthropomorpher Avatare. All das ist wie Leidensgeschichte auf Speed, lustig und süß. Gleichzeitig finden sich verbrannte, verkohlte, aufgerissene, aufgeplatzte, versehrte Körperformen, kaum mehr als solche erkennbar. Sie fügen sich zur fragmentierten Installation „TURBOSCHMERZKUNST“. Die sichtbaren Verletzungen erinnern an Splatterfilme und Körperhorror. Frische, noch nässende Wunden gehen über in tagealte Hämatome, sind Indizien äußerlicher Gewalt, fortwährenden Schmerzes. Wer ist hier Täter? Der Körper erscheint gleichsam als Täter und Opfer.
Verschiedenste Ebenen koexistieren hierarchielos, so wie in Vovks Gegenüberstellung in Anlehnung an das aus der Internetkultur bekannte Schema „How it started / How it’s going“. Von Christus am Kreuz bis zur Delfin-Krankenschwester suggeriert das Schema eine Entwicklung, einen Fortschritt, wo es letztlich kein Heilversprechen gibt. Zumindest aber bietet der Avatar die Möglichkeit, Geschichte umzudeuten, sich eigene Bilder und Heilsfiguren für das Unbeschreibliche zu suchen. Bilder machen Unsichtbares sichtbar und alles, was sichtbar ist, lässt sich greifen, in seine Bestandteile zerlegen und irgendwie weiterleben.
Julia Stellmann
